Ängstliche Pferde mutiger machen

Hat dein Pferd Angst, kannst du seinen Mut stärken.

Wahrscheinlich wünschst du dir auch ein cooles, gelassenes Pferd als Partner mit dem du durch Dick und Dünn gehen kannst. Leider sieht die Realität oftmals ganz anders aus. Ist dein Vierbeiner auch ein regelrechter Angsthase und es reichen schon Kleinigkeiten, um ihn komplett aus der Fassung zu bringen? Wie geht man am besten mit solchen Situationen um, damit es nicht gefährlich wird? Wie erkennt man überhaupt Angst und wie entsteht sie? Wie kann man sein Pferd sinnvoll unterstützen, damit mit der Zeit Ruhe einkehrt und ihr euch gegenseitig vertraut?

Flucht- und Herdentier

Pferde sind von Natur aus Fluchttiere. Dieser Instinkt kann in der freien Wildbahn absolut überlebensnotwendig sein. Wie stark dieses Verhalten bei unseren domestizierten Hauspferden ausgeprägt ist, ist ganz unterschiedlich und es fließen verschiedene Faktoren mit ein. Ausschlaggebend können z.B. die Rasse, aber auch die Aufzucht- oder Haltungsbedingungen sein. Außerdem braucht jedes Pferd seine Gemeinschaft, also eine Herde, für sein natürliches Wohlbefinden. Bis zu einem gewissen Grad kann der Mensch in der Beziehung und Arbeit mit dem Pferd diese Position übernehmen und ihm Ruhe und Sicherheit geben.

Nervenbündel

Leider gibt es einige Pferde, die von Natur aus einfach kein starkes Nervenkostüm mitbringen und es langen schon kleine Dinge und sie geraten völlig aus dem Häuschen. Der Umgang und die Arbeit mit solchen Pferden gestaltet sich oftmals nicht gerade leicht. Oftmals gelingt es nur bis zu einem gewissen Grad, dass Ruhe einkehrt. Meistens bleiben Angst und Panikattacken lebenslang ein Thema. Als Reiter:in sollte man hier stets ehrlich mit sich sein, ob man so einem Nervenbündel gewachsen ist. Außerdem müssen die Aufgaben für solche Vierbeiner immer passend sein. So wird ein Pferd mit schwachen Nerven, was sich vor allem fürchtet, nicht dafür geeignet sein, der nächste Showstar zu werden, kann sich aber in heimischer Umgebung zu einem soliden Partner entwickeln.

Gründe für Angst

Die Bandbreite wovor Pferde sich gruseln können, ist riesengroß und kann durchaus immer wieder wechseln. Bei einigen sind es bestimmte Gegenstände, z.B. Planen, Flatterbänder oder Regenschirme. Bei anderen sind es bestimmte Situationen, z.B. Angst vorm Tierarzt oder Schmied, beim Verladen oder Anhängerfahren. Manche Pferde finden es gruselig alleine zu sein oder sie fürchten sich vor Wasser oder Rindern. Außerdem sind Pferde Gewohnheitstiere. Feste Strukturen und Abläufe sind absolut wichtig, um ihnen Sicherheit zu geben und zur Ruhe zu kommen. Bereits kleine Veränderungen, die für uns als Menschen gar nicht wichtig erscheinen, reichen bei einigen Vierbeinern aus, um sie aus dem Konzept zu bringen, z.B. das Taschentuch am Wegesrand oder die Decke auf der Hallenbande, die gestern dort noch nicht lag.

Schlechte Erfahrungen und Trauma

Natürlich gibt es auch Pferde, die Aufgrund von negativen Erfahrungen mit dem Menschen ängstlich geworden sind. Oder aber sie hatten einen Unfall und sind deshalb traumatisiert. Wie sagt man so schön: „Die Zeit heilt alle Wunden!“ Begegnet man solchen Pferden mit Ruhe und Geduld, wird es meistens mit der Zeit gelingen, dass sie alte Muster ablegen und wieder neues Vertrauen zum Menschen fassen. Bei den Einen hilft sehr viel Zuwendung und Zuspruch, Andere benötigen immer wieder Abstand und die Möglichkeit sich zurück ziehen zu können. Grundvoraussetzungen für den Umgang mit solchen Pferden sind viel Erfahrung, sowie eine gute innere und äußere Stabilität.

Angst erkennen

Eine beschleunigte Atmung, „Schnorcheln“, ein schneller Herzschlag, weit aufgerissene Augen, Zittern oder Schwitzen, erstarren, zur Seite springen oder losstürmen, sind deutliche Anzeichen von Angst und für Jedermann auch als solche zu erkennen. Doch leider zeigt nicht jedes Pferd seine Angst so deutlich. In diesen Situationen besteht leider die Gefahr seinem Pferd gegenüber ungerecht zu werden. Solltest du dir bei deinem Pferd unsicher sein, scheue dich nicht dir kompetente Hilfe zu suchen!

Kontrollverlust und drohende Gefahr

Ängstliche Pferde sind sehr schwer einzuschätzen. Das Gefühl auf einer tickenden Zeitbombe zu sitzen und die Kontrolle über seinen Vierbeiner zu verlieren ist absolut unschön. Reagiert dein Pferd „nur“ mit Scheuen oder erstarrt, wenn es etwas unheimlich findet, und möchte nicht mehr weitergehen, ist das zwar nervig und anstrengend für dich, aber relativ ungefährlich. Gerät dein Pferd in seiner Angst aber in Panik, geht durch und wird kopflos, kann es schnell zu Stürzen oder Unfällen kommen. Dies gilt es unbedingt zu verhindern! Es ist erstrebenswert, dass du dein ängstliches Pferd mit der Zeit so gut lesen und einschätzen kannst, um solche Situationen geschickt zu umgehen.

Fels in der Brandung

Pferde sind hochsensibel und spüren Unsicherheit und Angst beim Menschen sofort. Es ist also eine denkbar schlechte Kombi bei ängstlichen Pferden, wenn der/die Reiter:in auch Angst hat. Sicherheit ist für Pferde unglaublich wichtig. Aus diesem Grund solltest du wie ein Fels in der Brandung für deinen Vierbeiner da sein, ihm körperliche und mentale Anlehnung geben können. Beobachte genau, wie du für dein Pferd da sein kannst und was es braucht, um wieder runter zu fahren. Vielen hilft es gemeinsam und ruhig zu atmen, andere brauchen Körperkontakt und beruhigende Worte.

Mit passenden Aufgaben und Übungen wird dein Pferd gelassener im Alltag.

Mehr Gelassenheit statt Angst

Wer sein Pferd immer nur in Watte packt, versucht vor optischen und akustischen Einflüssen zu schützen und es nie irgendwelchen Reizen aussetzt, muss sich nicht wundern, wenn vor jeder Kleinigkeit Angst hat. Umso mehr dein Pferd aber von Beginn an kennenlernt, desto gelassener wird es auch mit stressigen Situationen umgehen können. Hier hat sich in der Praxis Gelassenheitstraining bewährt. Ob Plane, Luftballongasse, große Bälle, Flattervorhang, Brücke oder Podest- alles ist möglich. Jedoch sollte die Sicherheit von dir und deinem Pferd dabei nicht gefährdet werden. Schließe dich mit anderen Reitern:innen zusammen und baue dir einen Parcours auf. Gemeinsam macht es einfach mehr Spaß und du kannst bei Schwierigkeiten den Herdentrieb ausnutzen und ein sicheres Pferd vorweg gehen lassen.

Gucken lassen oder nicht

In nahezu jeder Reithalle und auf jedem Reitplatz gibt es sie: die „Gruselecke“. Gefühlt bist du schon hunderte Male dort vorbeigeritten und trotzdem nutzt dein Pferd jede Chance, das kann ein Rascheln im Gebüsch oder ein auffliegender Vogel sein, um sich zu erschrecken und zur Seite zu springen. Hier stellt man sich schnell die Frage, ob es nun besser ist sein Pferd gucken zu lassen oder lieber von der „Gefahr“ weg zu stellen. Das ist tatsächlich von Pferd zu Pferd ganz unterschiedlich. Einigen Pferden tut es gut, wenn sie in Ruhe gucken können, abchecken, dass alles in Ordnung ist und man kann anschließend mit ihnen weiterarbeiten. Bei vielen Pferden bringt genau diese Herangehensweise aber keinerlei Verbesserung und sie schaukeln sich immer mehr hoch. Hier hat es sich bewährt, sie „arbeiten“ zu lassen und zu versuchen die aufgewendeten Energien in eine sinnvolle Aufgabe umzuformulieren.

Nase tief

Ein Pferd was auf der Koppel steht, entspannt ist und sich sicher fühlt, nimmt den Kopf runter und beginnt zu grasen. Dieses natürliche Verhalten kannst du nutzen, um in Stresssituationen dein Pferd leichter entspannen zu können und ihm die Angst zu nehmen. Hierfür bringst du deinem Pferd bei, dass es auf Fingerzeig und Stimmkommando den Kopf bis zum Boden absenkt. Zuerst kannst du es noch mit einem Leckerli locken und unterstützen. Nimmt dein Pferd das Leckerli und beginnt zu kauen, hat das auch eine beruhigende Wirkung. Später sollte das Stimmkommando und Zeigen mit dem Finger reichen. Hat dein Pferd dies gut verinnerlicht, lässt es sich auch in Angstsituationen abrufen und du hast eine realistische Chance, dass es sich wieder beruhigt.

Vertrauen stärken, Angst überwinden

Zugegeben, es kann schon einiges an Energie vom Menschen fordern und jede Menge Arbeit kosten, ein ängstliches Pferd mutiger zu machen. Aber es wird sich immer auszahlen. Mit der Zeit wirst du deinen Vierbeiner immer besser einschätzen können, eure Beziehung wird sich verbessern und das Vertrauensverhältnis stärker werden.

Blog-Beitrag von Andrea Blochwitz
Fotos von Canva, Stefanie Blochwitz und Nele Paasch

 
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