Jungpferd stressfrei einreiten: So gelingt’s

Ohne Sattel über die Wiesen preschen, die Sonne im Gesicht und der Wind im Haar: Reiterinnen träumen von dieser innigen Verbindung zwischen Mensch und Pferd.

Ein wichtiger Schritt dabei ist das Einreiten des Jungpferds: ein spannender, neuer Abschnitt für Mensch und Tier zugleich. Je besser er gelingt, desto stabiler ist das Fundament für das neue Leben als Reitpferd.

Damit das Pferd schonend an seine neue Aufgabe herangeführt werden kann und der erste Ritt für beide eine entspannte Angelegenheit wird, braucht es drei Voraussetzungen: Kommunikation, Vertrauen und Gymnastizierung.

Kommunikation

Ein Dialog funktioniert nur, wenn beide Seiten die gleiche Sprache sprechen. Deswegen ist Bodenarbeit vor dem Einreiten – und damit ist nicht das reine Longieren gemeint – so wichtig. Sie etabliert Verständnis zwischen Mensch und Tier, das Pferd versteht, dass es Antworten auf die Fragen des Menschen finden kann und dass Druck in Form von Hilfen und Aufforderungen kein Grund ist, sich Sorgen zu machen. Außerdem: Mit Bodenarbeit lassen sich die späteren Reiterhilfen von unten super vorbereiten.

Das Pferd hat mit dem ungewohnten Gewicht auf seinem Rücken und dem Anblick der Beine und Arme links und rechts in seinem Gesichtsfeld schon sehr viel zu verarbeiten. Wenn wir es dann noch mit unbekannten Kommandos von oben überfallen, kann das schon zu viel des Guten sein. Wir können ihm also jede Menge Stress nehmen, wenn wir ihm vom Boden bereits erklären, was bestimmte Signale genau bedeuten.

Die zentrale Übung besteht darin, Vorhand und Hinterhand des Pferdes auf eine bloße Berührung hin weichen lassen zu können. Schließlich erfordern fast alle gerittenen Manöver eine präzise Kontrolle über die Vorhand und die Hinterhand des Pferdes. So lernt das Pferd bereits am Boden, was es bedeutet, auf den späteren Schenkeldruck zu weichen. Und es versteht, sich von uns führen zu lassen. Außerdem sollte sich das Pferd einfach auf den Zirkel schicken lassen und unserer Anfrage nach Vorwärts ohne Probleme Folge leisten können. Gerade junge Pferde tun sich mit dem Vorwärts unter dem Reiter oft schwer. Da hilft es, das vom Boden kleinschrittig vorzubereiten. Sinnvoll ist es auch, hier bereits Stimmkommandos für Schritt, Trab, Galopp und Halt zu etablieren. Sie können dem Pferd das Verständnis unter dem Sattel erheblich erleichtern.

Vertrauen

Ohne Frage: Einen Menschen als „Raubtier“ auf seinen Rücken zu lassen, setzt ein sehr großes Vertrauen seitens des Pferdes voraus. Wir können ihm dabei zusätzlich super helfen, wenn wir das Pferd daran gewöhnen, uns nicht nur von unten oder seitlich, sondern auch von oben zu sehen. Für viele Pferde ist es fast ein Schock, wenn der Mensch auf einmal auf der Aufsteighilfe in einer erhöhten Position steht oder sogar auf einem Zaun noch deutlich höher sitzt. Vor dem ersten Aufsitzen sollte das Pferd also absolut cool sein, wenn es den Menschen in einer anderen Position sieht als normal. Vom Zaun kann man vorsichtig bereits einen Fuß oder ein Bein über den Pferderücken legen und es an eine Berührung auf dem gesamten Rücken (also auch der Kruppe) und den Flanken gewöhnen. Viele Unfälle passieren tatsächlich, weil der Reiter beim Auf- oder Absteigen ungeschickt mit dem Bein den Pferdehintern streift und das Pferd damit nicht rechnet. Mit einer gründlichen Vorbereitung von oben kann man das verhindern.
Außerdem wichtig: Wenn wir auf dem Rücken sitzen, sieht uns das Pferd auf einmal in beiden Augen. Das kann durchaus Angst auslösen. Auch hier können wir mit dem Üben am Aufsteigeblock, dem vorsichtigen Über-den-Rücken lehnen, dem Pferd das Verständnis erleichtern. Natürlich gilt so oder so, dass alle Übungen (auch das Aufsteigen) von beiden Seiten klappen sollten. Viele Pferde sind daran gewöhnt, dass wir Menschen sehr viel von links machen (führen, aufsteigen, absteigen, satteln…). Je mehr wir diese Routinetätigkeiten auf die andere Seite verlegen können, desto mental ausbalancierter wird das Pferd.

Für den ersten Ritt bietet sich ein gebissloses Kopfstück wie ein Sidepull oder ein Kappzaum an. Es schont das Maul und über die seitlich angebrachten Zügel können wir dem Pferd ganz deutlich eine Richtung anzeigen, falls das nötig sein sollte. Gebisslos anreiten ist natürlich auch für den Menschen eine echte Vertrauenssache. Hier ist es hilfreich, wenn das Pferd vom Boden bereits gelernt hat, der Seil- und späteren Zügelhilfe mit dem Kopf zu weich zu folgen.

Gymnastizierung und physische Balance

Bei aller gründlichen Vorbereitung des Verständnisses und der Kommunikation sollten wir auch die körperlichen Seiten des Geritten-Werdens nicht außer Acht lassen. Pferde sind schließlich per se nicht dafür gemacht, uns Reiter auf ihrem Rücken zu tragen. Deswegen ist es wichtig und richtig, das Pferd vor dem ersten Reitversuchen durch eine systematische Gymnastik am Kappzaum in die Balance zu verhelfen. Wenn es gelernt hat, in den Schwerpunkt zu treten, sich zu strecken und biegen zu lassen, wird es den Reiter viel sicherer und entspannter tragen können.

 
{ 1 comment… add one }
  • Elma Esrig 16. Januar 2020, 13:47

    Guten Tag und hallo.

    Danke für den Beitrag über das stressfreie Einreiten von Jungpferden.

    Es ist schön zu sehen, daß es jemand so sieht wie ich selbst auch. Wer hier zu schnell und vor allem zu unruhig rangeht, der versaut sich direkt zu Beginn an die harmonische Beziehung zwischen Mensch und Pferd.

    Ich selbst lege grossen Wert auf Kommunikation und Vertrauen.
    Liebe Grüße, Elma.

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