Das Pferd gerade richten – warum und wie?

Nur ein gerades Pferd kann sich gleichmäßig biegen

Wer Reitstunden nimmt, hört früher oder später von der Schiefe des Pferdes und dass der Reiter es gerade richten müsse. Doch was genau bedeutet das überhaupt? Das Pferd kann ja schließlich geradeaus laufen.

Die natürliche Schiefe des Pferdes, auch Händigkeit genannt, ist vergleichbar mit unserer Links- oder Rechtshändigkeit. Es hat eine gute und eine schlechte Seite, abhängig von der Richtung, in die es sich bewegt: Eine Körperseite ist dabei leicht verkürzt und hohl, die andere dagegen steifer. Diese Schiefe ist angeboren – es gibt verschiedene Erklärungen für ihre Ursachen, eine davon ist die Lage des Fohlens im Mutterleib. Verstärkt wird sie durch die Anatomie: Schließlich ist die Hinterhand des Pferdes breiter als die Vorhand – entsprechend leicht fußt ein Hinterbein an der Spur des Vorderbeins vorbei, was eine Folge und Anzeichen der Schiefe ist.

So erkennst du die Schiefe deines Pferdes

Die Schiefe macht sich beim Reiten schnell bemerkbar – auf unterschiedliche Art und Weise: Das Pferd galoppiert auf einer Hand besser an, legt sich vermehrt auf einen Zügel oder lässt sich auf einer Seite nur schwer biegen. Die Anlehnung ist auf einer Seite schwieriger oder das Pferd läuft auf zwei Hufschlägen, indem es den Hintern etwas in die Bahnmitte schwingt und mit der Schulter in Richtung der Bande drückt. Gerade ältere Pferde sind dann steif und manchmal sind sogar Unterschiede in der Muskulatur der Körperseiten mit bloßem Auge sichtbar.

Gerade auf dem Zirkel wird die Schiefe des Pferdes schnell deutlich: Auf seiner hohlen Seite wird es sich leichter biegen lassen und den Kreisbogen williger gehen. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass es über die äußere Schulter davon läuft und den Zirkel vergrößert. Auf der steifen Seite haben Pferde eher die Tendenz nach außen zu schauen, auf die innere Schulter zu fallen und den Zirkel zu verkleinern, um sich nicht dehnen zu müssen.

Der Reiter empfindet die hohle Seite oft als einfacher, da sich das Pferd hier leichter biegt, sie kann aber durchaus die Herausfordernde sein, da sie in der Ausbildung gedehnt werden muss. Auch die eigene Händigkeit des Menschen kann die Schiefe des Pferdes verstärken.

Studien zufolge sind etwa 45 Prozent der Pferde Linkshänder und nur 10 Prozent Rechtshänder. 45 Prozent kommen mit beiden Händen gut klar. Die Mähne fällt oft von sich aus auf die hohle Seite.

Wann ist ein Pferd gerade gerichtet?

Ein Pferd ist dann gerade gerichtet, wenn es in der Lage ist, mit den Hinterbeinen in die Spur der Vorderbeine zu fußen – auf geraden und auf gebogenen Linien. Der Schub aus der Hinterhand wirkt damit in Richtung des Schwerpunktes. Damit passt sich die Längsachse des Pferdes der gerittenen Linie wie einer Volte oder einer Schlangenlinie an.

Für Reitanfänger sind die Begrifflichkeiten hier schon verwirrend, denn ein gerades Pferd bedeutet, es kann sich gleichmäßig biegen. Es zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es keine schlechtere Seite mehr hat: Wendungen, Biegungen und Anlehnung gelingen auf beiden Händen gleich gut. Beim Halten nimmt es die gleiche Last mit allen vier Füßen auf.

Der Prozess des Geraderichtens ist nie wirklich abgeschlossen, eine Restschiefe wird vermutlich immer da bleiben, denn kein Lebewesen ist perfekt symmetrisch. Aber mit durchdachtem Training kann man die Schiefe deutlich verbessern und damit auch die Bewegungsqualität. Tut man hingegen nichts, wird die Schiefe mit der Zeit zunehmen.

Geraderichten – die Gründe

Wer sein Pferd gerade richtet, hält es gesund. Eine ausgleichende Gymnastik wirkt der Händigkeit entgegen und bringt das Pferd in eine bessere Balance. Beide Seiten werden gleichmäßig gedehnt und gekräftigt. Gerade gerichtete Pferde sind rittiger und durchlässiger.

Schiefe Pferde gehen dagegen unphysiologisch durch Kurven und Wendungen. Sie versuchen, eine starke, anstrengende Beugung des inneren Hinterbeins zu vermeiden, weichen seitlich aus, belasten die Schultern und damit die Vorderbeine einseitig und legen sich auf den Zügel. Wird dem nicht entgegen gewirkt, können Schmerzen und Verspannungen auftreten, die das Pferd krank machen und früher verschleißen lassen.
Ein schiefes Pferd steht nicht gleichmäßig an den Hilfen. Auch echte Versammlung ist nur möglich, wenn der Schwung der Hinterbeine in die richtige Richtung zum Schwerpunkt führt und nicht seitlich daran vorbei.

Auch für Freizeitpferde ist eine Geraderichtung wichtig: die Händigkeit auszugleichen kann sogar dabei helfen, Scheumuster zu durchbrechen, Lahmheiten zu verhindern und Widersetzlichkeiten aufzulösen.

Das Pferd geraderichten mit diesen Übungen

Alltägliches von beiden Seiten. Traditionell fand der Umgang mit dem Pferd überwiegend auf seiner linken Seite statt: Man führt links, sattelt links, steigt links auf. Das verstärkt natürlich die Einseitigkeit – deswegen ist es sinnvoll, die gesamten alltäglichen Handgriffe von beiden Seiten aus zu tun. Wie sehr wir als Reiter da in Schleudern kommen können, zeigt oft der Versuch, von rechts aufzusteigen.

Wir Menschen sind natürlich auch nicht gerade: Manch einer hat ein kürzeres Bein, eine schiefe Wirbelsäule und jeder hat eine Hand, mit der er Dinge bevorzugt erledigt.
Je besser wir dieses Ungleichgewicht ausgleichen können, desto besser ist das für unser Pferd – sei es durch Sport wie Yoga, regelmäßige Behandlungen beim Osteopathen oder der Physiotherapie und natürlich guten Reitstunden.

Gebogene Linien

Auf Volten, Achten oder Schlangenbögen muss das Pferd mit seinem inneren Hinterbein mehr Last aufnehmen. Durch das Mehr an Beugung wird die Kraft gefördert. Außerdem wird auf der gebogenen Linie die äußere Körperhälfte des Pferdes gedehnt. Hier gilt natürlich: Nur regelmäßige Handwechsel helfen einer gleichmäßigen Gymnastizierung beider Seiten.

Schultervor

Dabei fußt das Pferd mit seinem inneren Hinterbein zwischen die beiden Spuren der Vorderbeine, während das äußere Beinpaar auf einer Spur bleibt. Pferde, die außen an den Vorderbeinen vorbei fußen, können mit dieser Übung unterstützt werden. Sie erfordert weniger Abstellung und Längsbiegung als das Schulterherein.

Schulterherein

Es kann auf drei oder vier Spuren geritten werden. Dabei fußt das innere Hinterbein in die Spur des äußeren Vorderbeins oder darüber hinaus – es muss stark untertreten und die Gelenke beugen, was Beweglichkeit und Tragkraft verbessert.

Kruppeherein

Hier wird das äußere Hinterbein aufgefordert, mehr Last aufzunehmen. Gerade im Wechsel mit dem Schulterherein ist das Kruppeherein perfekt, um Beweglichkeit und Kraft zu verbessern.

Schenkelweichen

Das Weichen auf den Schenkel und das Kreuzen der Hinterbeine macht beweglich.

Außenstellung und korrektes Umstellen

Hier gilt: Auf der hohlen Seite des Pferdes mit weniger arbeiten und auf der steifen Seite auf Nachgiebigkeit im Genick achten. Richtiges Umstellen verbessert die Flexibilität. Die Außenstellung lässt sich gut auf der offenen Zirkelseite oder vor der Ecke abfragen. Sie ist vor allem sinnvoll, wenn das Pferd auf seiner hohlen Hand unterwegs ist, da damit die gern ausbrechende Schulter korrigiert wird.

Pausen, Abwechslung und langsam steigern

Für all diese Übungen gilt: Wir verlangen nicht zu viel und geben dem Pferd schon nach wenigen korrekten Tritten Pause. So können wir Verspannungen vorbeugen, mit denen wir gar nichts gewinnen. Wichtig sind hier außerdem die Abwechslung und häufige Handwechsel, um einseitigen Belastungen vorzubeugen.

Übungen werden außerdem zuerst im Schritt geritten und gelehrt. Klappen sie zuverlässig, kommt der Trab als nächste Schwierigkeitsstufe dazu.

 
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