Wer bin ich in den Augen meines Pferdes?

Wie sieht mich mein Pferd?

Oft stelle ich mir die Frage, ob sich mein Pferd an meiner Seite wohl fühlt. Ist es glücklich mit mir als Pferdebesitzer? Würde es meinem Pferd woanders vielleicht besser gehen?

Ich denke einige Pferdebesitzer kennen diese Gedanken. Jeder, der sein Pferd liebt, lässt ab und an die Gedanken in so eine Richtung schweifen.

Hätte sich mein Pferd mich als Besitzer gesucht?

Jeder Pferdekauf beginnt mit Herzklopfen. Die einen planen den Pferdekauf lange im Voraus und andere „stolpern“ in den Pferdekauf hinein. Aber das große Herzklopfen sollte auf jeden Fall da sein. Nach langem Suchen oder ganz spontan, haben wir das „Herzenspferd“ gefunden.
Die Vernunft wird oft in den Hintergrund gerückt und man möchte das Pferd unbedingt haben. Alles wird möglich gemacht, Grenzen und finanzielle Engpässe überwunden, nur um das Pferd sein „Eigen“ zu nennen. Das Pferd hat dabei kein Mitspracherecht.

Was erwartet mein Pferd von mir?

Der große Tag ist da und das Pferd kommt im neuen Stall an. Der Transport und das Verladen haben gut geklappt. Für das Pferd beginnt ein neues Leben. Eine neue Herde wartet, die Menschen auf dem Hof sind nicht vertraut, die Gerüche und die Umgebung ist dem Pferd komplett fremd. So euphorisch der neue Besitzer auch ist, für das Fluchttier Pferd ist alles neu! Die Vertrautheit der Herde ist nicht mehr da. Das Pferd muss sich in der neuen Umgebung auf alles einstellen und seinen Platz in der Herde „erarbeiten“.

Was erwartet mein Pferd in dieser neuen Situation von mir?

An erster Stelle sollte man dem Pferd Zeit geben. Klar, am liebsten würde man sofort mit dem Pferd loslegen. Aber das Pferd sollte erst mal in Ruhe ankommen. Ich kann diese Zeit nutzen Vertrauen zu meinem Pferd aufzubauen und vor allem meinem Pferd Sicherheit, Anerkennung und Geborgenheit geben. Lange Spaziergänge und einfach die Zeit miteinander zu verbringen, kann der Beziehung zwischen Mensch und Pferd unglaublich viel geben.

So sollte man die erste Zeit nutzen einander kennenzulernen. Ich sollte dem Pferd in der ersten Zeit immer freundschaftlich und respektvoll gegenübertreten. Dass was ich vom Pferd erwarte, sollte ich meinem Partner Pferd auch entgegenbringen können.

Würde ich mich selbst mögen, wenn ich mein Pferd wäre?

Viele Wochen, Monate oder gar Jahre sind vergangen. Mein Pferd und ich haben uns aufeinander „eingespielt“. Wir sind ein Team geworden. Unser Training läuft gut, wir haben viele Fortschritte erreicht und sind unseren Zielen nähergekommen. Mein Pferd hat sich auf dem Hof gut eingelebt, seinen festen Platz in der Herde gefunden und ist motiviert bei der Arbeit. Viele Dinge sind für mich selbstverständlich geworden.

Aber ist es für mein Pferd auch selbstverständlich?
Für mich ist es selbstverständlich das mein Pferd ein Halfter trägt, dass ich es an einem Führseil führen kann. Dass es ein Gebiss im Maul duldet und gelernt hat die Hilfengebung über dieses umzusetzen. Es ist für mich selbstverständlich, dass es den Sattel auf dem Rücken akzeptiert. Und genauso selbstverständlich ist es, dass ich mein Pferd reiten kann.

All das ist für mich im Pferdealltag „normal“. Aber ist es dies für das Pferd auch? Jedes Pferd sollte mit Respekt und Fairness ausgebildet werden. Dazu gehört auch, dass ich dem Pferd das Equipment gut erkläre und dafür sorge, dass es dem Pferd passt.

Das beginnt beim Halfter, Trense und Gebiss bis hin zum Sattel. Das der Sattel mehrmals im Jahr kontrolliert und gegebenenfalls angepasst werden sollte, gehört für mich zur Selbstverständlichkeit. Genauso wie der Hufschmied regemäßig alle 6-8 Wochen kommen sollte. Der Osteopath der mein Pferd regelmäßig kontrolliert und behandelt, um Blockaden und Verspannungen zu lösen, sollte nicht vergessen werden.
Der Pferdezahnarzt sollte auch einmal im Jahr das Pferd kontrollieren, um somit Schwierigkeiten beim Reiten oder beim Fressen zu vermeiden. Das Wissen ein Pferd auszubilden sollte natürlich auch nicht zu kurz kommen. Auch hier bin ich als Pferdebesitzer gefragt. Bin ich bestrebt mich weiterzubilden um mein Pferd gesund ausbilden zu können?

All diese Dinge sorgen dafür, dass es meinem Pferd körperlich und seelisch gut geht. Wenn ich meinem Pferd dies ermögliche, kann ich im Rahmen seiner körperlichen und seelischen Möglichkeiten auch Übungen und Lektionen im Training abfordern. Bin ich bereit meinem Pferd all dies zu ermöglichen steht einem harmonischen Umgang, nichts mehr im Wege.

Wie würde ich mir meinen Besitzer vorstellen?

Wenn ich mich in mein Pferd hineinversetzen würde, was würde ich mir wünschen? Stellt euch in einer ruhigen Minute selbst die Frage. „Wie würde ich mir meinen Besitzer vorstellen?“ Die Frage kann auch erschrecken, weil man sich in dem Moment ehrlich und selbst reflektierend vor den inneren Spiegel stellt.

  • Wie bin ich mit meinem Pferd umgegangen?
  • Auf welche Weise trete ich meinem Pferd gegenüber?
  • Hat mein Pferd Spaß an unserer Arbeit?
  • Fühlt es sich an meiner Seite wohl?
  • Wertschätze ich mein Pferd?

Unsere Pferde spiegeln uns täglich neu. Sie „scannen“ uns jeden Tag aufs Neue. Pferde sind in der Natur auf ihre feinen Sinne angewiesen. Sie müssen eine Gefahr schnellstmöglich erkennen und gegebenenfalls flüchten. Sie müssen Situationen richtig einschätzen und sind für ihr eigenes Überleben und deren Herde verantwortlich.

Unsere Pferde wissen ganz genau wie es uns geht. Sie spüren unseren Puls, unseren Herzschlag und fühlen unsere Stimmung. Wie oft kommen wir von der Arbeit gestresst zum Stall und wollen einfach nur „abschalten“? Dann erwarte ich, dass sich mein Pferd heute von seiner besten Seite zeigt. Aber bin ich auch so respektvoll, wenn mein Pferd einen „schlechten“ Tag hat? Habe ich dann genauso viel Verständnis? Vielleicht gab es Stress in der Herde? Vielleicht hat mein Pferd mit dem heißen Wetter Schwierigkeiten? Bin ich dann so fair und nehme Rücksicht oder fordere ich trotzdem alles wie gewohnt ab?

Ich merke meinem Pferd sofort an, wie seine Laune ist. Oft denke ich mir: „Das Wetter ist so schön, heute Abend gehe ich ausreiten. Dann komme ich zum Stall, sehe mein Pferd und weiß, dass es heute eher ein Tag für einen kleinen Spaziergang oder einfach nur etwas „betüddeln“ ist. Und das sollte auch ok sein. Gegenseitiger Respekt und Fairness sollte immer an erster Stelle stehen.

Was wünsche ich mir von meinem Pferd? Und kann ich dies selbst zurückgeben?

Die Erwartungen und Wünsche die ich an mein Pferd habe, sollte ich stets hinterfragen. Kann mein Pferd diese erfüllen? Wir Menschen wollen immer ganz viel, und vor allem ganz schnell. Diese menschliche Eigenart macht es uns in der Pferdeausbildung in der Vertrauen, Fairness und Respekt wichtige Bausteine für eine harmonische Arbeit sind, extrem schwer.

Aus welchen Gründen habe ich mein Pferd gekauft? Es soll mich glücklich machen. Aber kann auch ich mein Pferd glücklich machen? Sie sollen uns eine schöne Zeit geben.

Gebe ich meinem Pferd auch eine schöne Zeit? Wir sollten uns immer wieder die Zeit nehmen und über unseren Luxus, ein Pferd zu besitzen, nachdenken. Das Pferd hat sich uns nicht ausgesucht. Wir haben es für das Pferd entschieden. So trage ich für das Pferd auch die Verpflichtung, dass es ihm gut geht.

Aber ich habe die Möglichkeit das Beste für mein Pferd daraus zu machen. Wenn ich über die Zeit, die ich mit Pferden verbringe nachdenke, komme ich oft auf ein Zitat:

„Wir müssen heute nicht reiten. Wir haben den Luxus mit unseren Pferden die Zeit schön zu verbringen“ (Bent Branderup).

Genauso ist es. Wir haben den Luxus mit unseren Pferden eine tolle Zeit zu verbringen – in Harmonie und Freundschaft, im gegenseitigen Respekt und auf Augenhöhe.
Daher stellt euch gerne die Frage? Wer seid ihr in den Augen eures Pferdes?

 

Fotos: Gina Lange, Katrin Pajewski, Sara Glawe

 
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  • Anne 4. Februar 2021, 14:14

    Wunderschön geschrieben! Den Grundgedanken mit dem Zitat toll auf den Punkt gebracht.

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