Gymnastik am Langen Zügel: Hohe Kunst – aber nicht für jedermann

Die Arbeit am Langen Zügel muss gut vorbereitet werden.

Die Arbeit am Langen Zügel gilt an den traditionellen Hofreitschulen als Königsdisziplin: Sie hat eine lange Tradition an den bedeutenden Reitschulen der Welt, etwa der Spanischen Hofreitschule, der Andalusischen Reitschule in Jerez oder dem Cadre Noir in Saumur. Hier werden an den Langen Zügeln schwierigste Lektionen wie Zickzack-Traversalen, Pirouetten oder Piaffen gezeigt.

Eignet sich diese Form der Dressur auch für den Freizeitreiter? Die Antwort ist „jein“.
Pferde, die zum Reiten zu klein sind wie Ponys oder die vom Boden gymnastiziert, aber nicht mehr geritten werden sollen, können von der Langzügelarbeit profitieren. Sie kann eine spannende Abwechslung im Alltag sein und natürlich eine gute Möglichkeit, Muskeln und Tragkraft aufzubauen. Feine Pferde werden damit noch feiner.

Es gibt hier aber ein großes Aber: Denn nicht jedes Pferd-Mensch-Paar sollte sich ohne Weiteres an der Langzügelarbeit probieren. Die Arbeit ist nicht trivial: Sie ist nicht nur körperlich anstrengend, auch für den Menschen, der innerhalb von einer Einheit schon mal mehrere Kilometer hinter dem Pferd zurücklegen kann. Da die Hilfengebung und die Sicht aus dieser Position stark limitiert ist, ist das eine Herausforderung für Mensch und Pferd.

Die wichtigste Voraussetzung ist immer eine gute Partnerschaft und klare Kommunikation, da der  Mensch auf Höhe der Hinderhand des Pferd geht und damit in einem Bereich, in dem er leicht getreten werden kann. Für ungestüme, impulsive Jungpferde ist die Arbeit noch nicht geeignet und auch nicht für Pferde, die noch nicht gut auf die Hilfen reagieren. Auch Pferde mit einer starken Übersetzung eignen sich nur dann, wenn sie sich bereits setzen und versammeln lassen. Sonst kann der Mensch das Tempo schlicht nicht mitgehen und die Zügelhilfen werden schwammig und hart.

Die Vorbereitung für die Arbeit am Langen Zügel

Bevor es losgeht mit der Arbeit an den Langen Zügeln sollte das Pferd zum einen Stellung und Biegung sicher beherrschen – sie sind die Voraussetzung für eine korrekte Bewegung und damit eine gesunde Gymnastik. Auch Takt, Losgelassenheit und Anlehnung sollten abrufbar sein – und erste Grade der Versammlung.
Super als Vorbereitung bietet sich zum einen die Doppellonge an, was das Pferd an eine veränderte Position des Menschen zum Beispiel beim Richtungswechsel gewöhnt und daran, seitlich von den Zügeln berührt und begrenzt zu werden. Zum anderen ist die Arbeit an der Hand ideal: Hier geht der Mensch auf Schulterhöhe mit, was anfangs leichter, übersichtlicher und sicherer ist. Trotzdem kann das Pferd gestellt und gebogen werden und aus dieser Position Lektionen erarbeitet werden.

Wichtig für die Arbeit am Langzügel: Stimmhilfen! Etabliere sie sicher und setze sie sinnvoll ein – also nicht als Dauerbeschallung, sondern für konkrete Veränderungen. Wichtig ist, dass dein Timing stimmt.

Langzügelarbeit: Die Ausrüstung

Für das Training am Langen Zügel benötigst du Langzügel, Gerte und eine Trense bzw. einen Kappzaum. Die Zügel sollten griffig sein und keine Stege haben, denn die stören, wenn du den Zügel verlängern und durch die Hand gleiten lassen willst.
Wenn du mit Gebiss arbeitest, kannst du über eine Schenkeltrense nachdenken. Die liegt besonders ruhig im Maul und verhindert ein seitliches Verziehen. Auch mit einem Kappzaum kannst du die Zügelhilfen präzise an den Pferdekopf geben. Er schützt dein Pferd etwas besser vor unbeholfenen Zügelhilfen.
Wichtig für euer Training ist ein guter Boden: Am besten ist er relativ fest, griffig und vor allem eben. Tiefe oder hügelige Böden rauben euch schnell den Spaß an der Arbeit, weil weder Pferd noch Mensch in einen guten Rhythmus finden können. Außerdem strengen sie zu sehr an.

Der Einstieg in die Arbeit am Langzügel

Bei der Langzügelarbeit läuft der Mensch leicht schräg versetzt sehr dicht neben dem Pferd. Die Hände befinden sich in etwa auf Höhe der Schweifrübe, die Zügel werden wie beim Reiten gehalten.
Für die Arbeit im Trab oder Galopp eignet sich eine enge Zügelführung, bei der die Hände vor dem Bauch getragen werden gut, um besser mitgehen zu können. Der äußere Zügel läuft dann über den Rücken.

Achtung: Ist das Pferd noch in der Lernphase, oder man ist sich wegen seiner eigenen Sicherheit neben der Hinterhand des Pferdes noch unsicher, empfiehlt sich erst einmal die Arbeit am halblangen Zügel. Hierbei geht man auf Höhe der Sattellage.
Deine Einwirkung am Langen Zügel ist mit der beim Reiten vergleichbar: Du rahmst das Pferd mit den Zügeln ein, die Gerte ersetzt den inneren und den äußeren Schenkel. Angetickt wird das abfußende Hinterbein oder die Flanke. Wichtig: Zügelhilfen werden als Impulse gegeben. Sobald du ziehst, läufst du Gefahr, dass das Pferd den Kopf zu stark nach innen biegt und du den Rahmen verlierst.

Los geht’s geradeaus auf dem Hufschlag

Die Arbeit am Langen Zügel ist komplex, deswegen sollten die ersten Schritte für Mensch und Pferd möglichst einfach sein.
• Starte aus einer Longierposition und lass dich langsam nach hinten fallen. Dann folgt ihr gemeinsam dem Hufschlag und geht geradeaus. Das ist leichter gesagt als getan, denn eventuell wird dein Pferd seitlich ausweichen, um dich besser sehen zu können. Hier kann die Bande Orientierung bieten.
• Im nächsten Schritt beginnt ihr, Anhalten und Antreten aus der neuen Position heraus zu üben. Idealerweise kennt dein Pferd es schon, geschlossen zu stehen. Hilfreich ist außerdem ein Stimmsignal, sowohl zum Durchparieren, als auch zum Losgehen. Achte darauf, dass du zügig mitgehst, damit dein Pferd keinen Ruck im Maul bekommt.
• Klappt das, kannst du nun beginnen, Handwechsel und einfache gebogene Linien zu gehen, wofür sich das Pferd von der Bande lösen muss.
•Handwechsel nur mit Pferden machen, die kein Problem damit haben, dass man dicht hinter ihnen die Seite wechselt.

Gelingen einfache Hufschlagfiguren, Schlangenlinien und Handwechsel flüssig im Schritt, dann könnt ihr den Trab beginnen. Zunächst wieder gerade im Vorwärts mit dem Ziel, eine konstante Verbindung mit dem Pferdemaul bzw. der Pferdenase zu halten und ein gutes Tempo sowie den Rhythmus zu finden. Atme gleichmäßig und versuche, deine Arme so entspannt wie möglich zu tragen. Jetzt kannst du beginnen auch hier Hufschlagfiguren einzubauen und die Übergänge zu meistern. Kommen deine Hilfen und deine Paraden durch, kannst du dich den Seitengängen zuwenden. Voraussetzung dafür: Dein Pferd steht stets fein an den Hilfen.

Hütchen können helfen

Wenn du auf gebogenen Linien wie Zirkel oder Volten unterwegs bist, solltest du darauf achten, dass dein Pferd nicht nur gebogen, sondern auch gestellt ist. Hilfreich für eure Orientierung können Hütchen oder Gassen sein, um den Kreisbogen auch wirklich korrekt zu beschreiten.

Sei geduldig mit dir und dem Pferd und verlange nicht zu viel. Die Übungen sind körperlich und mental anstrengend für euch beide, schließlich habt ihr zu tun mit der neuen Position und den Hilfen. Deswegen: Viel loben und Pause machen, um die Motivation zu erhalten.

 
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