Individuell trainieren – warum es so wichtig ist, den Charakter des Pferdes zu beachten

Ein Pferd ist nicht nur ein Körper – und so wichtig es ist, ein biomechanisch gutes Training aufzubauen zum Beispiel mit korrektem Longieren am Kappzaum oder feiner Handarbeit, so wichtig ist es auch, die Psyche des Pferdes und seinen Charakter zu berücksichtigen.


Das talentierteste und freundlichste Pferd wird irgendwann widersetzlich, wenn das Training so gar nicht zu ihm passt. Wenn wir unsere Pferde, ihr Wesen und ihre Art kennen, können wir unsere Anforderungen individuell anpassen und zuschneiden.

Natürlich hängt der Pferdecharakter oft mit der Rasse zusammen: der Araber gilt als schreckhafter, das Vollblut lässt sich leichter ablenken und der Noriker wartet erst einmal stoisch ab. Diese Verhaltensweisen sind instinktiv und von der Natur sinnvoll angelegt. Wenn das Gebirgspferd in Panik beim leisesten Geräusch davon stürmt, bricht es sich schnell die Beine. Deswegen haben Rassen wie Karabagh oder Haflinger einen weniger ausgeprägten Fluchttrieb als zum Beispiel Wüstenpferde.

Auch die Leistungsfähigkeit unterscheidet sich: Der Araber kann eine halbe Stunde lang durchtraben ohne ein nasses Haar am Körper, während der Norweger nach zehn Minuten den Dienst quittiert. Dafür kann sich der Araber nicht so leicht versammeln wie ein Lusitano.

Pferde richtig motivieren

Unterschiedliche Pferdtypen wollen unterschiedlich gefördert und motiviert werden. Dabei sollten wir auch die emotionalen und mentalen Komponenten des Trainings im Blick behalten. Für das gemütliche Pferd sind Pause und stehen bleiben das größte Lob, für ein hibbeliges Hochblütiges ist Anhalten dagegen eher eine Strafe – es will in Bewegung bleiben.

Ruhige, introvertierte und stoische Pferde schätzen also in der Regel Pausen und kurze Trainingseinheiten. Manchmal sind hier auch Routinen hilfreich – aber Achtung, zu viel Gleichmaß sorgt für Langeweile und kann die Ruhigen auch nerven. Generell sagt man, dass sich dieser Charaktertyp gut länger konzentrieren kann und auch gern an kleinteiligen Aufgaben puzzelt. Wichtig ist, dass du dein Pferd lesen kannst. Denn die ruhigeren Typen werden auch bei Stress und Überforderung nicht hektisch, sondern noch ruhiger und introvertierter.
Stoische Pferde können durchaus reizunempfindlicher sein – ihr Mensch muss sich dann sehr klar ausdrücken und braucht Geduld. Diesen Typ Pferd sollte man nicht mit Aufgaben überladen, sondern eine nach der anderen angehen und sich Zeit dabei lassen.

Extrovertiertere Pferde zeigen dagegen große Gesten, Dynamik und Energie – sie sind oft und gern in Bewegung, neugierig und verspielt, aber auch temperamentvoll. Hier kann Abwechslung im Training ein Schlüssel sein – und nicht zu kleinteilige Aufgaben, die diesen Pferdetyp schon langweilen oder auch überfordern können. Denn viele extrovertierte Pferde lassen sich leichter ablenken und können sich nicht über lange Zeiträume konzentrieren.

Energiegeladenen Pferde sind oft auch reizempfindlicher, sehr sensibel oder nervös – entsprechend leicht können sie im Training mit zu viel Input oder zu schnellen Wechseln überflutet werden.
Gerade die eifrigen Pferde neigen dazu, Übungen vorweg zu nehmen. Ihre Energie fährt sich schnell hoch, vor allem höhere Gangarten führen zu Adrenalin-Schüben und schnell artet Motivation dann in Stress aus. Hier gilt es, den Eifer zu nutzen und in die richtigen Bahnen zu lenken, um das Pferd wieder zum Zuhören zu bekommen. Wichtig sind zudem ein klarer Fokus beim Menschen, saubere Hilfen und Körpersprache. Experimentiere und finde heraus, mit welchen Übungen du dein Pferd mental zu dir zurückholen kannst. Oft sind optische Hilfsmittel wie Kegel oder Stangen sinnvoll, da sie dem Pferd einen Anker geben und einer Hufschlagfigur Sinn.

Intelligent oder super sensibel – unser Training passt sich dem Pferd an

Gerade Leistungssportler egal welcher Disziplin sind oft reaktiv und schnell. Die Zucht hat die Pferde zudem sehr menschenbezogen gemacht. Viele bringen einen „Will to please“ mit, den Wunsch, es ihrem Menschen recht zu machen und zu gefallen. Wer so ein Pferd hat, der sollte vorsichtig mit Tadel umgehen, um das Pferd nicht zu demotivieren.

Natürlich gibt es neben dem Energielevel noch andere Merkmale, die wir berücksichtigen sollten: intelligente Pferde langweilen sich schnell, wenn wir immer mit den gleichen Aufgaben kommen; Pferde, die langsamer lernen, können wir überfordern, wenn wir zu schnell und zu abwechslungsreich vorgehen. Manche Pferde reagieren sehr empfindlich auf Körperkontakt, andere auf Geräusche. Manche Pferde vertrauen sehr auf sich, aber nicht auf ihre Umwelt, anderen bereiten Lernsituationen Stress.

Achte auch immer darauf, wie gut sich dein Pferd konzentrieren kann. Laut Wissenschaft eigentlich nicht länger als 20 Minuten am Stück. Mit Pausen kannst du deine Trainingseinheiten aber verlängern.

 
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